Dokumentarfilm zum partizipativen Forschungsprojekt „Farbgestaltung Neonatologie Bremen“ (Länge 9:29)

Alles fing an mit diesem Hilferuf aus dem Team der Frühgeborenenintensivpflege

Im nächsten Sommer werden wir umziehen in einen Neubau. Die Pflege der Frühgeborenen und deren Eltern beinhaltet so viel mehr, als „nur“ Intensivmedizin. Leider haben wir keinerlei Lobby was die Farbgebung betrifft. Weiße Wände, LED Spots,….ein tristes Erleben. Gerätetechnisch wird alles vorhanden sein, aber das was unsere spezielle Pflege ausmacht, geht total unter. Die Patienten und deren Eltern verbleiben oft Monate auf unserer Station. Uns Pflegekräfte stehen quasi die Haare zu Berge……. So kann keine Atmosphäre des Wohlfühlens aufkommen. Können Sie uns unter die Arme greifen? Können Sie helfen uns eine gute Arbeitsatmosphäre und den Frühchen ein gutes in dieser Welt ankommen zu ermöglichen?

Foto Neonatologie Bremen

Abstract

Diese Studie untersucht exemplarisch am Praxisbeispiel der Abteilung für Neonatologie in der Klinik für Kinder-und Jugendmedizin im Klinikum Bremen Mitte, den Einfluss der Farbgestaltung auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit von Patienten, Angehörigen und Personal. In Weiterführung zu unseren vorangegangenen Studien[i] stand hier zum ersten Mal ein Neubau für eine Studie zur Verfügung. Die farbliche Neugestaltung der Neonatologie des Klinikneubaus wurde notwendig, da die weitgehend monochrome Farbgestaltung der Station (durchweg weiße Wände und Decken und gelbe Böden) beim medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Personal auf vehemente Ablehnung gestoßen ist, die mündlich wie schriftlich zum Ausdruck gebracht wurde.[ii] Die farbliche Neugestaltung wurde in einem partizipativen Verfahren nach einer evidenzbasierten Methodik durchgeführt.

Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage beim medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Personal vor und nach der farblichen Neugestaltung wie die Interviews und Beobachtungen zeigen signifikante Veränderungen im Erleben und Verhalten der betroffenen Menschen. Die Beurteilung des Wohlbefindens, der Aufenthaltsqualität, der emotionalen Stimmung, Orientierung und Motivation verbesserte sich im Mittel um 207% von 4,3 (negativ) auf 2,1 (positiv).

Wohlfühlampel – Umfrageergebnis vor (rot) und nach (grün) der Farbgestaltung

[i] Buether, Axel und Wöbker, Gabriele (03/2020). Studie „Farbe und Gesundheit“ „Beurteilung der psychologischen und medizinischen Wirkungen der Umweltfaktoren Farbe und Licht auf Patienten und Personal im Bereich der Intensivmedizin“  DOI: 10.13140/RG.2.2.28780.10884

Buether, Axel und Wöbker, Gabriele (03/2020). Helios Universitätsklinikum St. B2-2 „Beurteilung der psychologischen und gesundheitlichen Wirkungen der Umweltfaktoren Farbe und Licht auf Patienten und Personal im Bereich Intensivmedizin“ DOI: 10.13140/RG.2.2.31296.69127

[ii] Die Ablehnung der vorhandenen Farbgestaltung des Klinikneubaus wurde durch den Hilferuf des Personals (Siehe Anlage), das Interview mit dem medizinischen Leiter (Siehe Anlage) eindeutig zum Ausdruck gebracht. Die Gründe für die Ablehnung der vorhandenen Atmosphäre wurden im Fragebogen  benannt und durch das Ergebnis der Befragung validiert (Siehe Tabelle der Ergebnisse)

Foto Neubau Klinikum Bremen Mitte Abt. f. Neonatologie – Flur vor der farblichen Umgestaltung
Foto Neubau Klinikum Bremen Mitte Abt. f. Neonatologie – Flur nach der farblichen Umgestaltung

Ergebnisse der Studie:[i]

  1. Die Farbgestaltung ist ein signifikanter Faktor für das Wohlbefinden. (Gesamtergebnis der Befragung vor der farblichen Umgestaltung von 4,2 eher negativ auf 2,1 eher positiv danach)
  2. Weiße Wände wirken nicht neutral, sondern sie wirken dem Wohlbefinden von Patienten, Angehörigen und Personal signifikant entgegen. (Gesamtergebnis der Befragung vor der farblichen Umgestaltung von 4,2 ist signifikant schlechter als das neutrale Ergebnis von 3)
  3. Die Verteilung der Antworten belegt, dass die Wirkungen von Farbe im Raum objektiv beurteilt, geplant und im baulichen Kontext der Nutzungssituation zum Wohl der betroffenen Nutzergruppen eingesetzt werden können. Abweichungen bei der Verteilung der Antworten belegen, dass die Wirkungen von Farbe im Raum in einer Spanne subjektiv bleiben, die tolerierbar ist, da sie den Gestaltungserfolg nicht signifikant beeinträchtigt.(Siehe Grafik)
  4. Die Farbgestaltung der Architektur hat positive Wirkungen auf die medizinische und pflegerische Tätigkeit des Personals, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 3,8 eher negativ auf 2,3 eher positiv)
  5. Die Farbgestaltung der Architektur fördert das Wohlbefinden der Patienten, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 3,8 eher negativ auf 2,3 eher positiv)[ii]
  6. Die Farbgestaltung der Architektur fördert das Wohlbefinden, das Vertrauen und die Zuversicht der Eltern, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,4 eher negativ auf 1,5 sehr positiv)[iii]
  7. Die Farbgestaltung der Architektur fördert das Wohlbefinden und die Aufenthaltsqualität des Personals, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,4 eher negativ auf 2,1 eher positiv).
  8. Die Farbgestaltung der Architektur fördert beim Personal das Gefühl, dass der Arbeitgeber Ihre Tätigkeit wertschätzt, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,2 eher negativ auf 2,4 eher positiv)
  9. Die Farbgestaltung der Architektur fördert die Identifikation des Personals mit dem Arbeitsort, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,2 eher negativ auf 2,3 eher positiv)
  10. Die Farbgestaltung der Architektur wirkt sich positiv auf die emotionale Stimmung und Motivation des Personals aus, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,2 eher negativ auf 2,1 eher positiv)
  11. Die Farbgestaltung der Architektur wirkt sich positiv auf die Orientierung in der Station aus, , wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,6 negativ auf 2,0 eher positiv)
  12. Die Farbgestaltung der Architektur wirkt sich positiv auf die Effektivität der Regeneration in den Pausen aus, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,6 negativ auf 2,5 eher positiv)
  13. Die Farbgestaltung der Architektur wirkt sich beim Personal positiv auf die Attraktivität des Arbeitsplatzes aus, wenn sie bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt. (von 4,5 eher negativ auf 1,8 eher positiv)[iv]

[i] Eine Farbgestaltung hat nicht in jedem Fall positive Wirkungen auf die Nutzer. Sie kann kontraproduktiv wirken und dysfunktional sein, wenn sie nicht an den Bedürfnissen der Nutzer orientiert ist und nicht evidenzbasiert ausgeführt wird. Eine Studie zu dieser Problematik befindet sich in der Durchführung. Axel Buether wurde 2021 mit der Neugestaltung der Interdisziplinären Kinderintensivstation der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz beauftragt, deren Farbkonzept zuvor von einem Künstler konzipiert und umgesetzt worden ist. Eine rein künstlerische Farbgestaltung kann positive Wirkungen für die betroffenen Nutzergruppen haben, birgt zugleich jedoch auch das Risiko des Scheiterns, was in der Kunst ein legitimes Ergebnis ist, in der Architektur hingegen, wo das Wohlbefinden der Nutzer in den meisten Fällen von zentraler Bedeutung ist, nicht akzeptiert werden kann.

[ii] Die Begründung, wie das Pflegepersonal zu dieser Einschätzung kommt, wird in dem transkribierten Interview A verdeutlicht. In dem Interview wird explizit davon gesprochen, dass Frühgeborene auf eine wohlige Atmosphäre reagieren, die von der Wahrnehmungsqualität der Licht- und Oberflächenfarben bestimmt wird. Die von uns bildlich dokumentierten Beobachtungen zeigen weiterhin, dass farbige Tücher an Inkubatoren vom Pflegepersonal verwendet werden, um den Lichteinfall und die Farbqualität des Lichts in unmittelbarer Nähe zu Kind noch feiner zu regulieren. Unsere vorangegangenen unter 1 und 2 angegebenen Studien zeigen, dass auch erwachsene Patienten von einer Farbgestaltung profitieren, wenn diese bedürfnisorientiert und evidenzbasiert erfolgt.

[iii] Bei dieser Frage konnten wir die größte Verbesserung verzeichnen, obwohl wir die Eltern nicht direkt befragt haben. Die Begründung, wie das Pflegepersonal zu dieser Einschätzung kommt, wird in dem transkribierten Interview B verdeutlicht. Hier wird ausgesagt, dass die Eltern oft Wochen bis Monate in der Station bei ihren frühgeborenen Kindern bleiben und unter extremer Anspannung stehen. Hier wirkt sich der Effekt einer vertrauensbildenden Wohlfühlatmosphäre sowie die intuitive Form der Orientierung am Farbleitsystem von jedem Ort der Station zum eigenen Kind besonders deutlich aus.

[iv] Hier konnten wir die zweitgrößte Verbesserung erreichen, gleich hinter dem Wohlbefinden der Eltern. Die Bewertung im Fragebogen deckt sich mit Aussagen der Interviews mit dem Personal.

Bei Zitation bitte angeben: Prof. Dr. Axel Buether, Dr. Hans Thorsten Körner. Einfluss der Farbgestaltung auf die Funktionalität von Klinikneubauten, insbesondere das Wohlbefinden von Patienten, Angehörigen und Personal im Bereich der Neonatologie. 18.10.2022 DOI: 10.13140/RG.2.2.22488.16645

Schlussfolgerungen und Ausblick

Über den Zusammenhang von Wohlbefinden und Gesundheit:

In der Satzung der WHO wird Gesundheit folgendermaßen definiert: „… ein Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen.“[i] Unsere Studie zeigt, dass die weiße Wandgestaltung der neu gebauten Station dem Gebrauchszweck entgegenwirkt, da sie das Wohlbefinden und nach Definition der WHO zugleich auch der Gesundheit von Patienten, Angehörigen und Personal in signifikanten Maß beeinträchtigt. Eine Klinik, deren Atmosphäre das Wohlbefinden der darin befindlichen Menschen in signifikantem Maß beeinträchtigt, ist dysfunktional.[ii] Das Zusammenspiel von Licht- und Oberflächenfarben trägt wesentlich zur atmosphärischen Wirkung gebauter Räume bei, wobei die Wechselwirkungen aller sinnlich wahrnehmbaren Umweltfaktoren wie der Geruch von Putzmitteln und die Ausdünstungen von Baustoffen, die Akustik der Oberflächen und der Lärmpegel der Räumlichkeiten, die Qualität des Essens und vor allem auch das Maß der menschlichen Zuwendung und Freundlichkeit zu beachten sind.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Verzicht auf eine bedürfnisorientierte und zugleich evidenzbasierte Farbgestaltung eine Vielzahl von Problemen für die betroffenen Menschen und den gesamten Krankenhausbetrieb verursacht, die weder ethisch noch ökonomisch zu rechtfertigen sind. Die Kosten für eine bedürfnisorientierte und zugleich evidenzbasierte Farbgestaltung sind im Vergleich zu den Baukosten kaum darstellbar, im Vergleich zu den Gesamtkosten der Planung verschwindend gering. Dieses Projekt setzte sich im Wesentlichen aus 2 Faktoren zusammen: a) der Erarbeitung des Farbkonzepts und b) dem Neuanstrich der Wandflächen, der in diesem Fall nur deshalb ein zweites Mal erfolgen musste, weil beim ersten Mal auf ein bedürfnisorientiertes und evidenzbasierte Farbkonzept verzichtet wurde.

In Interviews und Gesprächen wurde immer wieder erwähnt, dass der gebaute Raum selbst funktionale Mängel aufweist, wie fehlende Ausblicke von den innenliegenden Fluren und den daran angelagerten Stützpunkten auf das umgebende Grün oder den Himmel. Studien zeigen, dass solche Bezüge positive Effekte auf die Gesundheit des Menschen haben.[iii] Hieraus folgt, dass ein bedürfnisorientiertes und evidenzbasiertes Farbkonzept möglichst entwurfsbegleitend erfolgen sollte, wobei wichtige Parameter im Vorfeld erarbeitet werden müssen, wie gesundheitsfördernde Ausblicke auf die Farbigkeit der umgebenden Natur, den Himmel, Grünraum oder Wasser oder die Anlage einer Außenraumgestaltung, welche die Planung solcher Ausblicke ermöglicht. Farbe ist ein wesentlicher Bestandteil für den evidenzbasierten Gesundheitsbau, der darüber hinaus noch viele andere wichtige Aspekte aufweist, die aktuelle Publikationen aus dem Bereich der Architekturpsychologie belegen.[iv]


[i] Präambel der WHO-Verfassung der WHO 1948 (zitiert nach WHO 2020, S. 1)

[ii] Abel, A. (2020) Architektur und Gesundheit. Bedürfnisorientierte Architektur am Beispiel eines Metamodells nach Maslow. Weimar, Deutschland: Fakultät Architektur und Urbanistik Bauhaus-Universität Weimar

[iii] Ulrich RS, Simons RF, Losito BD, Fiorito E, Miles MA, Zelson M. (1991) Stress Recovery During Exposure to Natural and Urban Environments. J Environ Psychol 1991; 11: 201 – 230

[iv] G. Koppen und T.C. Vollmer (2022) Architektur als zweiter Körper, Gebr. Mann Verlag


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